Gleich vorweg die Antwort zur Frage:
Wie kommt ihr denn ausgerechnet auf die Idee nach Montenegro mit dem Rad zu
fahren? Ganz einfach: Mal was anderes, was ganz Besonderes zu unternehmen,
anstatt wie bisher einmal im Jahr eine knappe Woche in den Alpen die Pässe rauf
und runter fahren, lag irgendwo seit geraumer Zeit in der Luft. Aber was? Wir
haben das Besondere im August 2010 in Montenegro gefunden.
Wir, Schwager Toni und ich und
unsere Frauen, die Schwestern Maria und Hilde, waren im August 2010 von einer
Cousine unserer Frauen zur Hochzeit eingeladen. Sie wollte ihrem Mann in der
Heimat ihrer Eltern das Ja-Wort geben. Also ging es ab nach Stepov, hoch oben
in den Schwarzen Bergen Montenegros östlich von der Hauptstadt Podgorica, 4 km
Luftlinie von Albanien entfernt. Dort lernten wir auch den Cousin Toma kennen,
der in Podgorica mit seiner Familie lebt. Mit ihm hatten wir viel Spaß und ihm
in seliger Runde versprochen, dass Toni und ich einmal mit dem Rad zu ihm
kommen. Seine Reaktion: unglaubwürdiges Tippen mit dem Zeigefinger an die Schläfe.
Unsere Reaktion: jetzt erst recht,
versprochen ist versprochen. Nur wann können wir dieses Versprechen einlösen?
Da reicht mein Urlaub nicht aus.
Bei Toni, mit dem ich schon alle
wesentlichen Alpenpässe per Rad bewältigt habe, war das kein Problem. Er hat
das Berufsleben schon hinter sich gelassen. Bei mir sah es anders, wo ich dieses
doch frühestens 2015 beenden kann. Wie sagte mein Vater? Wo ein Wille ist, ist
auch ein Weg. Genau! Die Möglichkeit in unserer Firma eine Auszeit zu nehmen
habe ich durch Zufall erfahren. Ein verständnisvoller Chef, der diese auch
genehmigte und verständnisvolle Ehefrauen, die ebenfalls ja zu unserem Vorhaben
sagten, führten schneller zur Realisierung unseres Traums als gedacht. Am 28.
April 2011 begann die Planung.
Mittwoch,
28. Dezember 2011
Noch 123 Tage
In rund vier Monaten soll es
losgehen – mit dem Rad von Jöhlingen nach Montenegro. Natürlich mit Zelt. Die
Planung ist weitestgehend abgeschlossen, die Ausrüstung fast komplett. Drei
Wochen Hinfahrt plus ein paar Tage Reserve, damit müssten wir hinkommen. Das
Hotel in Petrovac an der wunderschönen Adriaküste von Montenegro ist für einen
gemeinsamen Urlaub mit unseren Frauen schon gebucht. Auch der Flug für die
beiden. Am 26. Mai werden wir sie von Podgorica mit einem Mietwagen abholen.
Nach den zwei Wochen werden die beiden zurückfliegen und Toni und ich uns
wieder auf unsere Räder schwingen und zurück radeln.
Unsere Route haben wir lange
diskutiert. 100 km pro Tag haben wir uns anfänglich locker zugetraut. Bei einer
Gesamtlänge für die Hinfahrt von ca. 1.800 km sahen wir das zunächst auch als
machbar.
Aber wir hatten die vielen Berge und
Hügel nicht berücksichtigt, die zu bewältigen sind. Dank bikemap.net lässt sich
das Höhenprofil einer zusammengestellten Route sehr genau darstellen, und das
hat uns gewaltig überrascht. Runde 20.000 Höhenmeter sind bis Podgorica zu
erklimmen. Auf unseren bisherigen Touren in den Alpen haben wir immer pro Tag
um die 100 km und auch 2.000 bis 3.000 hm geschafft, allerdings mit max. 8 kg
Gepäck.
Wie viel Gepäck werden wir auf
dieser Tour mitschleppen müssen, 20 kg oder mehr? Wie kommen wir damit einen
Arlbergpass mit bis zu 10% Steigung hoch? Mitte August hatte ich die
Gelegenheit dies zu testen. An einem sonnigen Tag habe ich die Packtaschen mit
20 kg Ballast gefüllt und im Kraichgau eine Runde gedreht. Das ging erstaunlich
locker. Ich war zuversichtlich. Drei Tage später habe ich meine komplette
Ausrüstung eingepackt und auch großzügig noch ein paar Extras. Die Waage zeigte
30 kg. Damit ging es ab gen Bodensee. Schon auf der ersten Etappe von Jöhlingen
über Gernsbach der Murg entlang nach Freudenstadt und weiter nach Dornstetten
kam das Erwachen. Die nächsten Tage waren nicht besser. Es war nicht unbedingt
das was ich mir für die Tour vorgestellt habe. OK, es waren die heißesten Tage
des Jahres, immer zwischen 32 und 34°. Nach sechs Tagen und 500 km wieder
zuhause angelangt, habe ich meine Ausrüstung akribisch bis ins Kleinste auf
Entbehrliches durchgeforstet. Ein Buch zum Lesen – gestrichen; zusätzlicher
Anorak – gestrichen; Leinenbezug für Isomatte – gestrichen; die Reifen – gegen
leichtere ausgetauscht. Stück für Stück habe ich inspiziert und abgewogen, ob
es unbedingt auf unserer Reise notwendig sein wird. Das Ergebnis: ich habe
Hoffnung, dass ich mit 25 kg auskommen werde.
Diese nüchterne Erfahrung habe ich
natürlich mit Toni diskutiert, und wir beschlossen den Start unserer Tour um 6
Tage auf den 29 April vorzuverlegen. An der ausgetüftelten Streckenführung
wollten wir nicht mehr viel ändern, denn nicht nur Montenegro war das Ziel,
sondern auch schon der Weg dahin.
Die Route
Der Start in Jöhlingen ist am 29.
April 2012 um 8.00 Uhr geplant. Über Pforzheim geht es durch das Nagoldtal nach
Horb und über Tuttlingen nach Konstanz; dann weiter auf der Schweizer Seite des
Bodensees nach Bregenz, über den anspruchsvollen Arlbergpass nach Innsbruck,
über den weniger steilen Brennerpass nach Brixen, im Pustertal bis Innichen,
über den Kreuzbergpass und Udine nach Triest; von dort auf möglichst direktem
Weg nach Rijeka und dann immer auf der Küstenstraße bis nach Herceg Novi in
Montenegro. Die Fahrt ganz um die Bucht von Kotor wird wegen der sagenhaften
Landschaft sicherlich ein Höhepunkt werden. Wenn wir in Kotor noch nicht ganz
platt sind, wollen wir über den Lovcen Nationalpark zum Njegus-Mausoleum, von dem
man einen herrlichen Blick über die Crna Gora, die Schwarzen Berge, über
Montenegro hat. Die Abfahrt führt nach Cetinje, der ehemaligen Hauptstadt, und
weiter nach Podgorica zu Toma, dem Cousin.
Die Routenführung für die Rückfahrt
ist noch offen. Vorgesehen sind einige Inseln zu durchqueren, die gut mit Fähren
zu erreichen sind. Je nachdem wie wir vorwärts kommen, besteht die Möglichkeit
auch mal eine längere Passage mit der Fähre zu überbrücken. Von der Insel Cres
wollen wir nach Istrien und dann von Porec nach Venedig übersetzen, so fern wir
eine Passage erhalten.
Die
Ausrüstung
Mein Reiserad oder Treckingrad habe
ich schon 5 Jahre. Bin allerdings noch keine 1.000 km damit gefahren. Mein
altes, knapp 20 Jahre altes Treckingrad zeigte damals Alterserscheinungen und
ich beschaffte Ersatz. Dann gelang mir doch noch eine Wiederbelebung, so dass
ich das neue Rad schonen konnte. Die erste größere Tour war erst im August 2011
an den Bodensee.
Das Rad habe ich mir selbst
zusammengestellt. Es besteht aus einem Quantec Alurahmen und starrer Alugabel.
Als Komponenten habe ich von Shimano die XT-Gruppe gewhlt mit V-Brakes.
Lowrider und Gepäckträger stammen von Tubus. Speziell für die Tour habe ich den
Seitenläufer-Dynamo und die Frontlampe abgebaut und am Gepäckträger ein mit
Batterie betriebenes Rücklicht von B&M montiert, das sich bei Dunkelheit
und gleichzeitiger Bewegung selbst einschaltet (wichtig für die Tunnels). Da
ich mir eh eine sehr leuchtstarke Mini-Taschenlampe, die Fenix LD 20
angeschafft habe, ist am Lenker eine Halterung für diese montiert.
Als Bereifung habe ich mich für den
Marathon Supreme von Schwalbe entschieden, mit einer Breite von 37 mm, obwohl
ich am Treckingrad seit 15 Jahren den normalen Marathon mit 32 mm Breite
gefahren bin. Der Supreme ist deutlich leichter bei angeblich gleicher
Pannensicherheit und gleichem Verschleiß. Mit den 5 mm mehr an Breite erhoffe
ich mir weniger Verschleiß und weniger Stress für die Doppeldickend-Speichen.
Erstmalig habe ich am Lenker einen
kleinen Rückspiegel angebaut, um den nachfolgenden Verkehr und auch Toni,
sollte er hinter mir fahren, besser beobachten zu können. Das habe ich mir von
ihm abgeschaut.
Nun noch etwas speziell für
Ritzelrechner:
Bei der Übersetzung hatte ich mit
der Abstufung der angebotenen Kassetten so meine Probleme. Schnelles Fahren mit
25 – 30 kg Gepäck bedeutet auf unserer Tour 25, höchstens mal 30 km/h (mit
Rückenwind). Wird es bergab schneller, werden die Beine hochgenommen. In den
Bergen mit langen Steigungen bei teilweise über 10% wird dagegen die
Geschwindigkeit sicherlich öfters um die 4-5 km/h liegen. Da benötige ich
unbedingt einen sehr kleinen Gang. Eine Kassette mit Ritzel von 15 – 32 wäre
bei meinen Kettenblättern 48/36/26 ideal. Leider gibt es diese aber nur mit 11/12/14/16/18/21/24/28/32.
Was aber sollte ich mit den Stufen 11/12/14 auf unserer Tour anfangen? (Bei
einer Übersetzung von 48:11 bedeutet dies bei einer Trittfrequenz von 90 1/sec
ca. 48 km/h, bei 48:15 immerhin noch 37 km/h).Da sind die ersten drei Ritzel
der Serienkassette nur Ballast, und im mittleren Bereich sind die 3er Sprünge
sehr groß. Die Lösung war aus zwei mach eins. Sprich aus zwei Kassetten habe
ich dann eine Kassette mit 11/15/17/19/21/23/26/28/32 zusammengestellt und habe
somit 8 brauchbare Ritzel mit akzeptablen Sprüngen, wenn ich das erste Ritzel,
das 11er ignoriere. Das ist gleichzeitig der Verschluss für die Kassette und
der muss sein, gibt es aber nur als 11er.
Auf der Tour zum Bodensee hat sich
das so gestaltete Getriebe gut bewährt.
Meine Ersatz- und Verschleißteilliste für
das Fahrrad
- 1
Faltreifen
- 2
Schläuche
-
Flickzeug
- 1
Bremszug
- 1
Schaltungszug
- 3
Paar
Bremsklötze
-
Tesaband
- 6
Ersatzspeichen
-
Schrauben, Muttern und U-Scheiben
-
Klebepads für Reifen
- 2
Kettenschlösser
-
Ventilkappen
Werkzeuge
- Satz
Innensechskantschlüssel mit angeschliffenen Enden für Schlitzschrauben
-
Kreuzschlitzschraubendreher
-
Gabelschlüssel 8/10
-
Speichennippelschlüssel
-
Taschenmesser
- Satz
Reifenheber
-
kleine Kombizange
-
Kettennieter
Da wir schon bei den ersten
Planungsanstzen vereinbarten mit dem Zelt zu reisen, musste natürlich die
passende Ausrüstung beschafft werden. Schnell war klar, aus alten Beständen
(ausgenommen Front- und Backroller sowie Lenkertasche, alles von Ortlieb)
konnte so gut wie nichts übernommen werden. Also Angebote von Outdoorausrüstern
studieren. Und das hat Spaß gemacht. Da hatte sich in den letzten 25 Jahren
doch gewaltig viel geändert. Die vielen Test- oder Erfahrungsberichte waren
eine große Hilfe für die individuelle, optimale Lösung.
Als Erstes galt es ein Zelt auszuwählen
– mein Schafzimmer für immerhin 6-7 Wochen. Das Gewicht stand natürlich, wie
bei der gesamten Ausrüstung, im Vordergrund. Toni hatte da schon Erfahrung, er
besaß bereits ein 2 kg schweres Zelt von Hilleberg. Das entsprach aber nicht
meinen Preisvorstellungen. Ich konnte mir aber einige Ratschläge von ihm holen.
Die Kriterien:
1. Innenzelt mit ausreichend Platz
für mich und das ganze Gepäck. Dieses in der Apsis zu deponieren entspricht
nicht meinen Vorstellungen.
2. Der Einstieg in das Innenzelt
sollte auch bei Regen einigermaßen trocken möglich sein und für die nicht mehr
ganz so biegsamen Knochen auch bequem, sprich ausreichend hoch.
Der Schlafsack sollte bei einem
Temperaturbereich von 1 bis 6° noch ausreichend wärmen und das mit einer
Kunstfaserfüllung, da wir um diese Jahreszeit noch mit einer hohen Feuchtigkeit
rechnen müssen. Ein zusätzlicher Seidenschlafsack bringt Reserven bei noch
kühleren Temperaturen und ist solo sicherlich ideal im warmen Süden.
Kritisch war eine bequeme Unterlage
zu finden. Konnte ich als 19 jähriger schon mal eine Nacht direkt am Strand
ohne Luftmatratze schlafen, weil diese mal wieder undicht geworden ist, so
möchte ich heute auch im Zelt morgens gut geruht und ohne Rückenschmerzen
aufwachen. Mit Luftmatratzen habe ich über viele Jahre schlechte Erfahrungen
gemacht. Eine 2 cm dicke Isoschaummatte ist zwar robust, aber mir zu unbequem.
Von früher habe ich noch eine selbstaufblasende Isomatte mit 5 cm Dicke. Also
darauf mal wieder probegeschlafen. Und siehe da, mit dem richtigen Luftdruck
ging das ganz gut. Nur die 2 kg, die sie wiegt, sind 1 kg zu viel. Doch auch da
wurde ich fündig bei einem Gewicht von knapp über 1 kg. In Verbindung mit einem
leichten, komprimierbaren Reisekissen habe ich die Nchte auf der Tour zum
Bodensee gut geschlafen.
Viel Freude hatte ich auch beim
Zusammenstellen der „Kleinteile“, wie Kocher (mit Gas-Schraubkartuschen) und
Geschirr. In jungen Jahren bestimmte in erster Linie das begrenzte Budget die
Auswahl. Heute habe ich es genossen zuerst auf die Qualitt achten zu können und
dann auf den Preis. Qualität zahlt sich aus. Bei meinen Fahrrädern habe ich
diese Erfahrung schon vor langer Zeit gemacht, und das gilt auch für meine
Tourausrüstung.